Jüdische Geschichte im Weinberg

Franz X. Wimmer

Die Buchstaben sind griechisch, die Sprache ist hebräisch: Auf einem kleinen Stück Goldblech ist das jüdische Gebet eingraviert: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein“. Dieses Gebet aus dem fünften Buch Mose findet sich auf einem Amulett, das einem kleinen Kind ins Grab mitgegeben wurde – im dritten Jahrhundert, in Halbthurn im Burgenland.

Schreiben und vor allem Lesen – das sind Fähigkeiten, die im jüdischen Glauben seit Urzeiten wichtig sind. Auch für Menschen aus ganz einfachem Stand: Nur so lässt sich das Wort Gottes in der heiligen Schrift ernst nehmen.

Es ist kein Wunder, dass im 8. Jahrhundert der Salzburger Bischof Arn in einem Brief nachfragt, was denn mit dem jüdischen Arzt ist, nach dem er geschickt hat. Jener Bischof Arn, der ein paar Jahre zuvor die Grenzen des Stiftes Kremsmünster abgeschritten hat.

Bischof Arn sucht einen jüdischen Arzt

Medizin, Wissenschaft, Handel – es sind viele Bereiche, in denen Menschen mit jüdischem Glauben im Mittelalter führend sind. Immer wieder holen sich christliche Herrscher diese Spezialisten an ihre Höfe. Und in vielen Gegenden gibt es über lange Zeit ein gutes Auskommen, gute Zusammenarbeit zwischen jüdischen, christlichen und muslimischen Nachbarn.

In Wien zum Beispiel ist das jüdische Viertel mitten in der Stadt gelegen – siebzig Häuser dazu eine Synagoge in der Größe einer christlichen Kirche. Die Juden sind integriert, aber nicht assimiliert – nicht unsichtbar.

Zu sehen ist das zum Beispiel an Österreichs ältester hebräischer Urkunde: Es ist eine kleine Notiz auf Pergament, geschrieben in hebräisch, angeklebt an eine Urkunde aus dem Jahr 1305. Am Donnerstag 29. April bestätigen Mosche, Mordechai, Izchak und Pessach, dass sie ihren Weinberg in (Kloster) Neuburg „im Gschwent“, an die „Tonsurierten“, die Mönche des Klosters Kremsmünster verkauft haben.

Der Weinberg auf der Nordseite des Kahlenberges, der da seinen Eigentümer gewechselt hat, misst wohl fünf Viertel Joch – gut siebentausend Quadratmeter. Zur Urkunde in hebräisch gibts ein paar Tage später eine Bestätigung des Kaufes auf Deutsch durch den Klosterneuburger Bergmeister und eine durch Richter und Rat der Stadt Klos – terneuburg.

Gut hundert Jahre später werden die Juden aus Wien vertrieben, viele von ihnen ermordet. Viele solcher Vertreibungen hat es im Mittelater und in der frühen Neuzeit gegeben. Einmal wird den Juden die Schuld an der Pest gegeben, dann wieder wird ihnen Hostienschändung vorgeworfen. In der Praxis gehts fast immer ums Geld: Auch 1421 in Wien – da werden die wohlhabenderen Juden gefangen genommen um sie zu erpressen.

Hier gehts ums Geld nicht um den Glauben

Doch immer wieder haben Juden auch Zuflucht gefunden. Am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zum Beispiel in Ferrara – in der südlichen Poebene, gut hundert Kilometer von Venedig: Dort nimmt Herzog Ercole I d’Este jene Juden auf, die damals aus Spanien vertrieben worden sind. Und er gewährt ihnen das volle Bürgerrecht. Sein Nachfolger Ercole II dehnt das aus – auf Juden aus dem Norden, aus Deutschland und Österreich zum Beispiel.

Von der Shoah – der „Katastrophe“ – dem Völkermord an Millionen von Juden blieben aber auch die Juden in Italien nicht verschont.

In Ferrara entsteht eben ein Nationalmuseum für jüdische Geschichte. Als Vorläufer für das eigentliche Museum ist jetzt bis Mitte September eine große Ausstellung zu sehen: „Juden, eine italienische Geschichte. Die ersten tausend Jahre“. Dabei wird klar, dass diese Geschichte nicht auf Italien beschränkt ist – sie hat mit uns zu tun: Die Römer zerstören im Jahr 70 den Tempel in Jerusalem. Sie bringen an die hunderttausend Menschen jüdischen Glaubens als Sklaven nach Europa. Vertreibung, Zuwanderung, Flucht, Heimat finden – das sind zentrale Themen seit tausenden von Jahren. In Ferrara wird diese Geschichte lebendig – in über zweihundert Objekten, die kaum bekannt sind oder noch nie öffentlich zu sehen waren.

Wenn Sie sich auf die Spuren des alten Kremsmünsterer Weinbaues machen möchten: Die Ried Gschwendt, die von den vier Wiener Juden im Frühjahr 1305 ans Stift verkauft worden ist, die liegt südwestlich von Klosterneuburg im Weidlinger Tal, an den Hängen des Kahlenberges. Viele Wege ziehen hier durch den Wienerwald – und durch die angrenzenden Weinberge. Das Kloster Kremsmünster hat hier keine Weinberge mehr. Wenn Sie probieren möchten, wie Wein aus Weidling heute schmeckt: Das Stift Klosterneuburg hat seinen Sauvignon in Weidling stehen. Mehr dazu auf www.stift-klosterneuburg.at/weingut-und-obstgut

Das Jüdische Museum in Wien und das eben gegründete in Ferrara beginnen ihre Rundgänge im Heute – bei jetzt hier lebenden Menschen mit jüdischem Glauben. Und beide haben beeindruckende Installationen zum jüdischen Alltag im Mittelalter: Museo Nazionale dell’Ebraismo Italiano e della Shoah – MEIS (Ferrara): www.meisweb.it

Jüdisches Museum Wien – www.jmw.at

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